Aus Dornröschenschlaf erwacht: Letzer erhaltener Pfalzbahnpersonenwagen!

„Eisenbahnmuseum Neustadt, Kayser, guten Tag“ – so ist Horst Kayser vom Eisenbahnmuseum Neustadt vielen Interessenten, die sich gerne telefonisch über das Museum oder Kuckucksbähnel informieren wollen, bekannt. Doch jener Anruf, den Horst Kayser am 09.Dezember 2010 entgegennahm, sollte eine Sensation bergen.
 „Wir haben hier in der Nähe einen alten Personenwagenkasten im Garten stehen, der muss weg. Können Sie den im Museum gebrauchen?“ Nicht das erste Mal rückt Kayser auf eine solche Anfrage  mit einem Mitstreiter aus, um einen alten ausrangierten Wagen – nach ersten Beschreibungen ein Abteilwagen mit mehreren seitlichen Türen -  zu begutachten: Nichts Außergewöhnliches also.
Sensationsfund
Vor Ort dann die Überraschung: Ein für Reichsbahnfahrzeuge außergewöhnlich kurzes Fahrzeug, das noch aus der Zeit der Länderbahnen vor 1920 stammen muss. Ein Blick ins Innere macht die Sensation perfekt: An allen Türen steht die Pfalzbahnnummer 5069 und nähere Recherchen bestätigen, dass es sich um einen Personenwagen der Pfalzbahnen, Gattung D, 4. Klasse mit Baujahr 1872 und damit den letzten überhaupt erhaltenen Personenwagen aus der Epoche der Pfalzbahnen (1847-1909) handelt!
Pfalzbahnen
Nach der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth am 7. Dezember 1835 gab es auch in der Pfalz private Initiativen für den Bau von Eisenbahnstrecken. Ab 1838 übernahm die „Bayerische Eisenbahngesellschaft der Pfalz-Rheinschanz-Bexbacher Bahn“ unter Paul Camille Denis, der schon die erste deutsche Eisenbahnlinie baute, den Bau der „Eisenbahn von Bexbach nach der Rheinschanze (Ludwigshafen)“, um die auf bayerischem Gebiet liegende Grube bei Bexbach anzuschließen.
Am 11.Juni 1847 wurde der erste 30 Kilometer lange Abschnitt Ludwigshafen-Schifferstadt-Neustadt mit der Zweiglinie Schifferstadt-Speyer der nach dem bayerischen König benannten „Pfälzischen Ludwigsbahn“ eröffnet. 1849 war Kaiserslautern und Homburg bzw. Bexbach  an der Grenze von Ludwigshafen aus über den Schienenweg erreichbar. 1855 kam mit der gleichen Namensgebung die „Pfälzische Maximiliansbahn“ von Neustadt nach Weissenburg sowie die Neustadt-Dürkheimer Eisenbahn und 1868 die „Pfälzischen Nordbahnen“ (Landstuhl-Kusel) hinzu. Verwaltung und Betrieb der einzelnen Eisenbahngesellschaften wurden am 1. Januar 1870 zu der „Pfalzbahn“ zusammengefasst. 1909 schließlich übernahm die Königlich Bayerische Staatseisenbahn das zu diesem Zeitpunkt größte noch bestehende Privatbahn-Unternehmen. Der Erste Weltkrieg zeigte die Notwendigkeit der Zusammenlegung der einzelnen Länderbahnen, die ab 1920 in der Deutschen Reichsbahn aufgingen und ab 1924 als privatwirtschaftliche Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) elf Milliarden Goldmark Reparationsleistungen zu erwirtschaften hatte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Eisenbahnen in Deutschland geteilt: Im Westen die Deutsche Bundesbahn, im Osten die Deutsche Reichsbahn.
Pfalzbahnwagen 5069
Allen inneren Türbeschriftungen und den Zeichnungen zu Folge ist das Fundstück als Pfalzbahnwagen der Gattung D, 4. Klasse, Baujahr 1872 zu identifizieren. Laut Angaben des Eigentümers wurde der Wagenkasten ca. 1922 von den Gleisen gehoben und seiner Räder beraubt, um fortan als Werkstatt zu dienen. Zwischenzeitlich wurden um den Wagen herum verschiedene Anwesen errichtet und auch den Wagen selbst braucht man nun nicht mehr. Durch ein Schutzdach hat sich der Wagen jedoch erstaunlich gut über die Zeit gerettet. Die Bergung mittels Autokran wird nicht leicht: Der Wagenkasten muss über ein Gebäude gehoben werden. Vorsichtig hilft der Schwertransporter dem alten Schatz, der seine eigenen Räder verloren hat, nach Hause – in den alten Pfalzbahnlokschuppen des Eisenbahnmuseums Neustadt. Dort steht der wertvolle Wagenkasten auf einer „Gehhilfe“ – einem Flachwagen.
Die Letzten ihrer Art
Das Eisenbahnmuseum Neustadt bietet mit seinem aus der Anfangszeit der Pfalzbahnen stammenden Lokschuppen den letzten Pfalzbahnfahrzeugen eine stilgetreue Unterkunft. Neben dem Fragment eines Güterwagens aus der Pfalzbahnzeit findet sich im Museum die pfälzische Dampflok T 5 von 1907, die zuletzt beim Eschweiler Bergwerksverein im Einsatz war. Sie wird zurzeit äußerlich aufgearbeitet. 1997 brachten Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte die kleine T 1 „Schaidt“ von 1892 zurück in ihre Heimat. Eine Attraktion  im Museum stellt auch der Nachbau der „Pfalz“, einer Schnellzuglok der Bauart Crampton, dar.
Dass es überhaupt noch einen Personenwagen der Pfalzbahn gibt, war bisher nicht bekannt. Umso wichtiger stellt sich die Bergung und Konservierung des für die Region und ihre Eisenbahngeschichte einmaligen Fundes dar.
Mittelfristig ist eine Konservierung des Wagenkastens vorgesehen, langfristig soll er behutsam in den Originalzustand zurückversetzt werden. Auch die kleine Dampflok T 1 wartet noch geduldig auf ihre Restaurierung, die auch das Dach des alten Pfalzbahnlokschuppens dringend nötig hat.
Spenden und helfende Hände sind willkommen. Die Pfalzbahnraritäten warten auf Ihren Besuch in unserem Eisenbahnmuseum. 

Quellen:
Räntzsch, Andreas M., Die Eisenbahnen in der Pfalz, Dokumentation über Entstehung und Entwicklung, Schweinfurt 1997.


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